“Gammelwahlen”
Gammelfleisch? Die Schweizerinnen und Schweizer gelten als gut ernährt, viele sind übergewichtig, alle lieben Käse und Schokolade. Die Schweizer sind satt. Sie sind auch Christoph Blocher satt, sonst hätten sie den 2003 ins Amt gehobenen SVP-Politiker nicht schon 2007 abgewählt (Blocher: eine “Intrigen-Aktion”). “Ach, wie ich dieses Thema satt habe”, stöhnen und bloggen viele mit Stefanie Loser. Kommunikation kann ganz schön ermüden.
Oder doch nicht? Der Vorstand der SVP des Kantons Zürich lädt Wahlhungrige ein, den 68jährigen Christoph Blocher in die Landesregierung zu wählen. Wir haben aus Pietät zum vorliegenden Beitrag ein steinaltes Bild gestellt. Blocher stellt sich immer. Und die Zürcher SVP auch.
Sie will allen Ernstes mit dem Alten ins Rennen um den Bundesratssitz einsteigen, der mit dem Rücktritt des glücklosen Samuel Schmid frei wird. Die Vornomination in Zürich kam mit 48 zu 1 Stimmen zustande. Nun wird die Gesamtpartei diesen Vorschlag prüfen, am 27. November hält die SVP-Fraktion ihre Nominationsversammlung ab und am 10. Dezember nimmt die Bundesversammlung die Wahlen vor.
Für Blocher wäre das der dritte Anlauf, der erste war ja missraten, der zweite gelang, und der dritte … In der Jugendsprache hat sich für solche Veranstaltungen mit älteren Herren längst ein Wort eingebürgert, das nicht nur auf Klassentreffen, sondern auch auf Wahlen angewendet werden kann: Gammelfleisch-Party. Könnte man jetzt von “Gammelwahlen” sprechen?
Was Blocher selber über die Situation nach Schmids Rücktritt denkt, erkennt man aus der aufschlussreichen Filmsequenz Blocher-Prinzip. Die Schweiz geht so oder so schlimmen Zeiten entgegen, und ihre Armee ist nicht einmal einsatzfähig, wie Blocher im Ton des Bedauerns konstatiert. Geht die Schweiz unter, mit Blocher, ohne Blocher, einfach sang- und klanglos unter?
Blocher werde nicht ein zweites Mal gewählt, sagt der Wahlkampfblog. Spätestens seit der Abwahl Blochers müsste auch dem hinterletzten Depp klar sein, dass dieser Mann in der Regierung unerwünscht ist, erklärt der RainboxNet Blog Schweiz, und spricht von “Häuptling” Blocher. Wer übrigens im erwähnten Blog den Link Depp anklickt, stösst auf den SVP-Bullterrier Christoph Mörgeli. Das überrascht seit dem Schawinsky-Interview – siehe RainboxNet Blog Schweiz – niemanden mehr.
Hübsch analysiert swiss-lupe die Rolle des Egomanen und Volkstribunen Blocher: “Blocher wird sich heute ins Fäustchen lachen, wenn er sieht, wie die Partei nach seinem “‘Zurücktreten’ zerstrittener ist als je, erfolgloser als je, und wendehals-behafteter als je zuvor. Seht ihr, was aus der Partei geworden ist, kaum bin ich ins zweite Glied getreten?”
“Da hab ich doch echt geglaubt, dass mich meine Ohren anlügen, als ich gestern Abend in “10 vor 10″ hören musste, dass Christoph Blocher nun doch noch einmal Bundesrat werden will”, schreibt Monsieur Fischer. “Am Sonntag haben sich Giaccobo/Müller noch über eine mögliche Kandidatur lustig gemacht und siehe da, die übelsten Witze werden überboten”. Eine sehenswerte Starkarikatur bietet der Schweizer Narr.
Ururgrossvater Johann Georg Blocher war als pietistischer Prediger aus dem Königreich Württemberg eingewandert und 1861 im Kanton Bern eingebürgert worden. Seither hat die Familie die Kanzel nicht mehr freigegeben. Auch Blochers Vater und zwei seiner Geschwister waren in der Seelsorge tätig. Der Vater war von 1933 bis 1959 Dorfpfarrer in Laufen ZH, wurde dann aber abgewählt. Na ja.