Amoklauf bei Winnenden: Warnung vor TV-Krimis!
Am 11. März 2009 (Datum korr.) hat ein 17jähriger bei Winnenden, wenige Kilometer von Stuttgart entfernt, 9 Schüler erschossen, dazu 3 Lehrerinnen, 3 Passanten, ehe er selber den Tod fand. 16 Todesopfer an einem harmlos scheinenden Tag, der abends “normalerweise” mit einer Schiesserei in irgendwelchem Fernsehkrimis endet.
Kriminalität infolge falscher Kommunikation? Es ist nicht etwa so, dass eine Ballerei in TV-Krimis oder Computergames einen Freipass oder eine Einladung zur wilden Schiesserei mit sich bringt. Aber ein reales Bild von Schiesserei in der eigenen Region (Krimis etwa an der Elbe in Hamburg!) entsteht trotzdem. Schiessen wird eine denkbare Sache, und ein junger Zuschauer erfährt dabei nicht nur, dass sowas möglich ist, sondern auch, wieviel Eindruck und Spannung dies erzeugt. Soviel braucht es also doch nicht, wenn ein Junger mit zerstörtem Selbstvertrauen innerlich am Boden ist, um ihn zu solchen Verzweiflungstaten zu verleiten. Erst recht nicht, wenn die “Knarre”, wie man so kumpelhaft sagt, so nahe zu haben ist. “Härtere Waffengesetze?” So fragt Mylifestyleblog. Ob man die Zeichen nicht vorher erkennen könne?
Neurologen wie Manfred Spitzer warnen seit langem vor solchen Medienbildern, die in unseren Hirnen – ähnlich einem Trampelpfad im frischen Schnee – eine Spur legen können.
Deshalb kann man sich fragen, weshalb solche Filme nicht zwingend mit dem Vermerk versehen werden sind, dass hier eine Tat gezeigt wird, die das Potenzial der Nachahmung in sich trägt, vor der ausdrücklich gewarnt wird. Vielleicht müsste man im Umfeld solcher Filme auch Erklärungen platzieren, wie man mit Ärger und Frust umgehen kann und soll, ohne Leben zu zerstören. – Bei Zigaretten besteht ja auch ein Zwang, böse Todessprüche auf die Packungen zu drucken.
Gewisse, wohl die falschen, Medien haben sich bisher praktisch immer aus solcher Verantwortung herausgestohlen. Mit der Zeit müssen sie sich harte Vorwürfe gefallen lassen. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Bücher wie jenes von Christian Schertz und Thomas Schuler, das unter dem Titel “Rufmord und Medienopfer”. Über Medien berichten – und schon ist man beim Stichwort “Mord”.
Man beachte den lesenswerten Beitrag von Roland Kirbach im genannten Buch. Kirbach titelte: “Zum Abschuss freigegeben”. Die Medien sind verdammt nahe an solchen dramatischen Ereignissen, verdammt zu nahe. Einzelne Medien, allen voran das Fernsehen und die Boulevardblätter, sind unbekümmerte Spurenleger, sie senken die Schamschwelle, ohne das Niveau zu heben. Noch am Tag der Amoktat fürchtet extreme eine Killerspieldebatte. Das wird wohl nicht ganz zu umgehen sein. Das hindert Kaliban allerdings nicht daran, voller Heiterkeit der “Süddeutschen” den Professor-Pfeiffer-Ehrenpreis zu übergeben, weil diese an diesem Tag als erste Quelle die Verbindung zu Computerspielen hergestellt habe. Ob solchen Sätzen mag sich indessen der Abstand zwischen unsern Mundwinkeln und den Ohrläppchen kaum zu verringern.
Im Blog Rueckkehrer wird der schlimme Tag ganz genau protokolliert und die düstere Ahnung angehängt, dass sich solche Ereignisse bei uns wohl häufen werden. Die Kleinstadt Winnenden, so berichtet netplosiv, verharrt in Schockstarre. Und längst schon legen sich Blogger ins Zeug: “Wer Twitterfall nutzt kann auch gut nach “Winnenden†bei “Twitter†in Echtzeit suchen. Dort werden dann alle Tweets dazu aufgelistet die dazu auftauchen. Siehe auch Artikel xx zur Erklärung, wie Twitterfall funktioniert”, schreibt das Blog Datenwachschutz. Wer sich mit Winnenden auseinander setzt, muss sich mit jenen Medien auseinander setzen, die das Töten so unbedarft und fröhlich in die Stube projizieren. Und schon hat Bild den Film in sein Portal gestellt. Showdown auch bei Twitter, stellt seo-united sachlich fest. Für dieses Blog ist entscheidend: Twitter hat sich als geeignetes Medium erwiesen, um Leute auf dem Laufenden zu halten. Wenigstens ein Gewinner dieses 11. März 2009.
“Das nun auch noch im Superwahljahr ein Amoklauf passiert”, kommentiert Linksjugend, “kommt sehr wahrscheinlich der jetzt agierenden Bundesregierung leider pervers-erweise noch zugute. Dabei ist gerade dies ein Zeichen verfehlter Politik, die Jugend in Europa findet sich zunehmend in einer prekären Lage. Aus dieser Lage scheint kaum ein Entkommen möglich, Jugendliche ziehen sich zunehmend aus der Gesellschaft zurück, keiner bekommt dies mit. Diese Tat des 17 jährigen wird leider nicht die letzte bleiben wenn sich die Demokratisierung und die Teilhabe vor allem junger Menschen an der Gesellschaft immer mehr verringert.”
“Hört denn der Wahnsinn nie auf!” Ruft Alles-was-berührt aus. Leider nein.